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„’Uns geht’s doch wirklich prima!’
Die 50er Jahre im Bild der Münchner Illustrierten“
Besuch einer Ausstellung im Literaturhaus München


Am 20. Februar 2008 besuchten die Kollegiatinnen des Leistungskurses Deutsch der K 13 zusammen mit ihrem Kursleiter die oben genannte Ausstellung, die einen neuen Blick auf die 50er Jahre eröffnen und dabei die folgende Frage klären will: Stellen diese Jahre, in denen nach Einschätzung der Germanisten Literatur und Politik in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland wohl niemals weiter voneinander entfernt waren, lediglich ein restauratives, muffiges Jahrzehnt oder einen Aufbruch in eine späte demokratische Moderne dar?

Eine unvoreingenommene Betrachtungsweise, die die ideologischen Engführungen der 68er Generation hinter sich lasse, so heißt es im Ausstellungskatalog, gestatte es, nicht nur die dunklen Schatten der Vergangenheit und die unverkennbaren Begleiterscheinungen einer sich etablierenden Wohlstandsgesellschaft zu konstatieren, sondern eben auch die improvisatorischen Gesten eines Neuanfangs, der in allen gesellschaftlichen Segmenten umfassende Prozesse der Liberalisierung mit sich gebracht habe.

Aufgezeigt werden soll dies anhand von 150 Fotos, ausgewählten Artikeln und Paratexten wie Werbung, Rätsel und Horoskope, die der „Münchner Illustrierten“ entnommen sind. Diese in den 20er Jahren gegründete Zeitschrift, die 1933 von den Nationalsozialisten in den „Illustrierten Beobachter“ umgewidmet wurde, erschien nach dem Krieg zehn Jahre lang – von 1950 bis 1960 – wieder unter dem alten Namen im Süddeutschen Verlag, und zwar wöchentlich. Im September 1960 wurde sie an den Burda-Verlag verkauft und ging in der „Bunte“ auf.

Diese Zeitschrift stelle – so formulierte es der uns durch die Ausstellung führende Student der Germanistik und Geschichte – ein feines Instrument der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung dar, denn diese Illustrierte liefere als ein nicht kritisch beobachtendes Medium ein großes authentisches Zeitbild über eine längere Zwischenzeit, in der vieles passiert sei, wie die folgenden Stichworte verdeutlichen können: die Westintegration Deutschlands, die Verfestigung des Kalten Krieges, die Wiederbewaffnung, die Sozialgesetzgebung, der Wiederaufbau der Städte, die Innovationen in Design und Architektur sowie die Option für ein konsumorientiertes Alltagsleben in einer sich etablierenden Wohlstandsgesellschaft.
 

Unter einem von der Decke herabhängenden Titelbild, das die junge Schauspielerin Audrey Hepburn zeigt, beginnt unsere Zeitreise in die 50er Jahre. Geführt werden wir durch ein Nebeneinander von Fotographien, Texten und Überschriften aus der „Münchner Illustrierten“.

In der Mitte des Ausstellungsraumes findet sich langes Lesepult ,
auf dem vergilbte und zerblätterte Illustrierten-Artikel zur Illustration der angesprochenen Themenkomplexe im Original präsentiert werden.

„Es geht auch ohne Kommiß. Jungsein in der 50ern“ – so lautet das Motto der ersten Ausstellungsstation. Hinsichtlich der Auseinandersetzung mit dem Thema Nationalsozialismus und Krieg bietet die Lektüre der Illustrierten ein ambivalentes Bild: Zehn Jahre nach Ende des Krieges wird erstmals das Kriegselend thematisiert, aber Schlüsselworte wie Konzentrationslager oder Judenvernichtung finden sich nicht. Statt dessen dominieren Artikelserien oder Fotoreportagen, die Familiengeschichten oder Aufbauleistungen in den Blick nehmen oder militärische Fehlentscheidungen während des Krieges kommentieren. Ansonsten wird am Bild der sauberen, ehrenvoll kämpfenden Wehrmacht festgehalten. Immerhin beginnt man im Jahre 1957, den „Nürnberger Prozeß“ aufzurollen, wobei die Angeklagten portraitiert und die Geschichte des Dritten Reiches rekonstruiert wird. Diskutiert werden aber auch die Vorbehalte gegen die sogenannte „Siegerjustiz“.
Allerdings wagt man auch einen Blick in die Zukunft und fragt sich, ob die sich etablierende Jugendkultur, die durch Jitterburg sowie Rock’n’Roll und nicht mehr durch das Militär als Schule der Nation geprägt wird, nicht eine gefährliche Grenze überschreite, was anhand nicht weniger Fotos – darunter Peter Kraus als gefeierter Star, von dem die Kollegiatinnen noch nie gehört haben, – veranschaulicht wird.

„Italien lockt. Die alte Achsenmacht wird Urlaubsland“: Unter dieser Überschrift geht es darum, dass für die mittlerweile wieder in den Urlaub startenden Deutschen Italien das Wunschland schlechthin geworden ist.
Im Fokus der Illustriertenberichte findet sich eine Diskussion über diverse Italienerfahrungen der Deutschen, wobei auch das wichtige Problem „der untreuen italienischen Männer“ angesprochen wird, zumal diese als sogenannte Saisonarbeiter nach Deutschland kommen. So zeigt ein Foto die auf sich auf einem Bahnsteig versammelnden italienischen Arbeiter, während sich auf dem anderen Gleis die Gruppenreisenden nach Riva und Jesola einfinden.

Im Jahre 1957 beginnt die Münchner Illustrierte eine elfteilige Serie unter dem Titel „50 Tage Hammer und Zirkel“: Drei Reporter fahren in die DDR und erforschen die andere deutsche Gesellschaft. Beide Staaten verfügen inzwischen über eine eigene Armee und sind eingebunden in Nato und Warschauer Pakt. Die deutsche Frage gilt zu dieser Zeit immer noch als offen, wie die dritte Ausstellungsstation unter dem Titel: „Wir waren drüben. Die DDR, das andere Deutschland“ herausstellt.

„Endstation Standesamt. Bevor Emanzipation ein Begriff war: die Frauen der 50er Jahre“, so lautet die Thematik, die im Rahmen der vierten Station entfaltet wird. Diese Fragen werden von der Münchner Illustrierten immer wieder aufgegriffen, denn sie betrifft ihre Leserinnen und auch die Leser existentiell: Die Scheidungsraten erreichen im Nachkriegsdeutschland in den Jahren 1946 bis 1949 einen so hohen Stand, wie ihn die Bundesrepublik Deutschland nie mehr erreichen soll. Viele Spätheimkehrer, die wieder zu ihrer Familie zurückfinden, fordern von ihrer Ehefrau die etablierte Rolle als Hausfrau und Mutter ein, die diese aber, da sie mittlerweile berufstätig und selbständig geworden ist, nicht mehr ausfüllen will. Außerdem hat das Grundgesetz 1948 erstmals die Gleichberechtigung von Mann und Frau festgeschrieben, über deren Ausgestaltung und Verwirklichung nicht nur innerhalb der Familien kontrovers diskutiert wird. So muss beispielsweise geklärt werden, ob der Ehemann nach der Heirat die Anstellung seiner Frau mit und wegen der Eheschließung einfach kündigen kann. Auch das Frauenbild wandelt sich:
Die jungen Mädchen sind fasziniert von der selbstbewussten und attraktiven Brigitte Bardot, die Berufsausbildung für jungen Frau wird als selbstverständlich angesehen. Sie ergreifen neue Berufe, werden Stewardess, Fernsehansagerin, oder sie interessieren sich für einen Beruf im Ausland. Die Vielzahl der Berichte verdeutlicht, dass die neuen beruflichen Optionen mehr bieten als traditionelle Frauenbilder. Aber die Grenze der neuen Freiheit markiert die Heirat: Im Jahre 1957 sind von 100 verheirateten Frauen nur 15 in beruflichen Beschäftigungen außer Haus angestellt.

Hier endet unsere Führung nach einer Stunde. Wer will, kann sich noch die anderen Stationen anschauen, die über politische Schauplätze in der Bonner Republik informieren, im Rahmen eines „bayerischen Bilderbogens“ über den Wiederaufbau in München berichten und auch den Kinofilm der 50er Jahre unter der Überschrift „Sehnsucht, wohin führst du sie? Reale und imaginäre Lebenswelten“ thematisieren.

Den Kollegiatinnen und mir hat die Ausstellung gut gefallen, denn sie bietet tatsächlich ein authentisches Zeitbild und gestattet vielfältige Einblicke in eine Lebenswelt, die es einem als Rezipienten der Literatur der 50er Jahre erleichtert, die Kritik der Schriftsteller und Intellektuellen an der sich etablierenden Wohlstandsgesellschaft – vgl. das Motto der Ausstellung: „Uns geht’s doch wirklich prima!“ – nachzuvollziehen.

So zeigte später die Diskussion im Kurs, dass wir der Einschätzung, dass die 50er Jahre „einen Aufbruch in eine späte demokratische Moderne“ darstellten, nicht folgen können. Die Kollegiatinnen des Leistungskurses Deutsch sehen es eher so, dass die in allen gesellschaftlichen Segmenten
anzutreffenden Prozesse der Liberalisierung der 50er Jahre ein Jahrzehnt später in einen demokratischen Aufbruch überführt werden mussten.

Unabhängig von diesen konträren Einschätzungen lässt sich aber wieder einmal feststellen, dass sich der Besuch des Literaturhauses immer lohnt!

Dr. Jürgen Schmelter

 

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