Besuch im Literaturhaus München:
„Doppelleben. Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland“
Literaturhaus München / Bilder zur Ausstellung "Doppelleben"
Mittlerweile einer guten Tradition folgend, besuchten auch in diesem Jahr 14
Kollegiatinnen und der Kursleiter, Herr Dr. Schmelter, im Januar 2010 eine
Ausstellung im Literaturhaus München, die aus Anlass des 60. Jahrestages der
Gründung der Bundesrepublik Deutschland nach Berlin und Frankfurt in München
gezeigt wurde. Auch die Proklamation der Deutschen Demokratischen Republik, die
ebenfalls vor 60 Jahren erfolgte, nimmt diese Ausstellung, die von der Deutschen
Akademie für Sprache und Dichtung präsentiert und durch das Literaturhaus
München erweitert wurde, in den Blick:
Das Jahr 1949 erweist sich als Zäsur im kulturellen Aufbruch nach Kriegsende,
deren Nachwirkungen noch lange nach der Wiedervereinigung beider deutschen
Staaten spürbar sind. Die Ausstellung „Doppelleben. Literarische Szenen aus
Nachkriegsdeutschland“ untersucht den kulturellen Aufbruch in der Zeit nach dem
Krieg. Sie geht den Versuchen nach, die Demokratisierung zu fördern, und folgt
dem Aufbau des Literaturbetriebs mit seinen Verlagen, Literaturpreisen und der
Etablierung des Buchmesse und anderer literarischer Institutionen.
Im Eingangsbereich der Ausstellung besteht zunächst einmal die Möglichkeit, die
filmische Dokumentation „München im Frühling 1945“ anzuschauen. Man sieht
verstörende Bilder und Aufnahmen von der Zerstörung Münchens. Unaufgeregt stellt
der Kommentator heraus, dass in dieser Zeit nicht nur Trümmer als Ruinen zu
bezeichnen waren, sondern auch und gerade die Menschen selbst. Von hier aus
bietet es sich an, einen Blick auf die „Trümmer-, Heimkehrer und
Kahlschlagliteratur“ zu werfen, die anhand des von Günter Eich verfassten
Gedichts „Inventur“, das im Jahre 1945 entstanden ist, präsentiert wird. In
einer Filmaufnahme können die Besucher den Sohn des Schriftstellers das Gedicht
in eindrucksvoller Weise deklamieren sehen und hören.
Auf verschiedenen Schautafeln werden einige programmatische Aussagen Heinrich
Bölls als Repräsentanten der Trümmerliteratur vorgestellt: „Wir schrieben also
vom Krieg, von der Heimkehr und dem, was wir im Krieg gesehen hatten und bei der
Heimkehr vorfanden: von Trümmern“, wobei der Schriftsteller abschließend
feststellt, „dass die Zerstörungen in unserer Welt nicht nur äußerer Art sind
und nicht so geringfügiger Natur, dass man sich anmaßen kann, sie in wenigen
Jahren zu heilen“. So wird deutlich, dass die Autoren, die versuchten, sich in
den Trümmern zurechtzufinden und ein eigenes, wenn auch vorläufiges
Selbstverständnis zu entwickeln, schwer an der Last der Vergangenheit trugen.
Sie hatten Unfassbares, weil Vernunftwidriges und Unmenschliches gesehen, erlebt
und erlitten. Orientierungspunkte, Werte und allgemein verbindliche Maßstäbe
waren weitgehend verloren gegangen.
In dieses Ringen um das Selbstverständnis der Schriftsteller in der
Nachkriegszeit gehört die Auseinandersetzung um „Exil und innere Emigration“
hinein, der der Ausstellung einen breiten Raum widmet.
So findet sich im Mittelpunkt dieses Themenkreises ein Artikel Walter von Molos
in der „Münchener Zeitung“, in dem er Thomas Mann um die Rückkehr nach
Deutschland bittet und darauf hinweist, dass seine Rückkehr einen wertvollen
Beitrag für die „Gesundung des Volkes“ darstelle, das „von einer unheilbaren
Krankheit gezeichnet“ sei.
Im Zuge der sich anschließenden Auseinandersetzung um diesen Artikel formuliert
Thomas Mann sein berühmtes Diktum: „Bücher, die zwischen 1933 und 1945 gedruckt
wurden, sind weniger als wertlos und nicht gut in die Hand zu nehmen. Ein Geruch
von Blut und Schande haftet ihnen an, sie sollten alle eingestampft werden!“ Die
Ausstellung zeigt dann auch die
vielfältigen Bemühungen der aus dem Exil zurückgekehrten Schriftsteller auf,
einen Beitrag für die demokratische Entwicklung Deutschland zu leisten; so
werden etliche Lesereisen dieser Schriftsteller in den Blick genommen und die
entsprechenden Einladungsplakate bzw. die Rezensionen dieser Veranstaltungen
präsentiert.
Einen breiten Raum nimmt desgleichen die Dokumentation der Aktivitäten der
„Gruppe 47“ ein, ein loser Zusammenschluss von Autoren, die über drei Jahrzehnte
hinweg das literarische Leben in Deutschland bestimmte. Dokumentiert werden
Treffen, Lesungen, Diskussionen und Protokolle der Gruppe, die letztlich sogar
die „Regeneration des gesamten deutschen gesellschaftlichen Lebens“ anstrebte.
Diesem Ziel verpflichtet fühlten sich auch die zahlreichen Verlage, die im
Nachkriegsmünchen neu- bzw. wieder gegründet wurden, denn aus Ost- und
Mitteldeutschland sowie aus dem eingeschlossenen Viermächte-Berlin übersiedelten
zahlreiche Verlage nach München, das zum Zentrum auflagenstarker Bestseller
avancierte.
Gleichfalls werden die Münchener Medienlandschaft mit ihren großen
Nachrichtenblättern und „Radio München“ in der Ausstellung berücksichtigt. Die
Münchener Erweiterung der Ausstellung nimmt ebenfalls den Neubeginn des
literarischen Lebens mit Protagonisten wie Erich Kästner und Alfred Andersch,
aber auch Autoren wie Hans Carossa, Werner Bergengruen und Wolfgang Koeppen in
den Blick.
Nach einem zweistündigen Rundgang konnten wir mittlerweile auch wieder
traditionsgemäß feststellen, dass sich ein Besuch des Literaturhauses immer
wieder lohnt. Auch das Begleitprogramm, beispielsweise ein Dokumentarfilm über
die Gruppe 47, der in einem Programmkino präsentiert wird, kann sich sehen
lassen.
Dr. Jürgen Schmelter