Umsetzung der Compassion-Erfahrungen im kreativen Schreiben
| Compassion-Projekt |
| Compassion Bericht 2008/2009 |
| compassion@maria-ward-schulen.de |
| Projekt der Realschule |
| Erfahrungsaustausch mit anderen Schulen |
Im Rahmen der strukturierten Nachbereitung der in der
Praxis vor Ort gewonnenen Erfahrungen und Einblicke entstanden beeindruckende
kreative Texte, von denen drei hier präsentiert werden sollen:
Türe / Tor
… immer ein Tor zum Leben,
meist eine Tür zu den Herzen,
oft ein Tor der Liebe,
häufig eine Tür der Gemeinschaft;
… manchmal die Tür zu menschlicher
Wärme und Geborgenheit,
stets das Tor zu mir selbst,
automatisch Tür zur Anteilnahme,
von Zeit zu Zeit auch Tor des Verständnisses;
… bei manchen eine Tür zu Geduld und Selbstbeherrschung,
für andere ein Tor der Geborgenheit,
gleich einer Tür des Vertrauens,
notwendigerweise ein Tor der Aufopferung;
… für mich eine Tür des Zurücksteckens,
ein Tor zu mehr Gelassenheit,
Gott sei Dank eine Tür des Verzeihens,
und natürlich ein Tor zu vielen neuen Erfahrungen.
(Regina Waltenberger, G 11c)
Erinnerungen an einen Patienten, bezugnehmend auf ein
Bild,
das einen alten Menschen in seinem Krankenhausbett zeigt
Ich betrete den Raum – es herrscht Stille.
Stille, die sich danach sehnt, erfüllt zu sein – mit Freude – mit Lachen – mit
Liebe.
Ich bin alleine mit meinem Patienten. Seine Augen sind
geschlossen und sein Mund ist geöffnet.
Ich begrüße ihn und bemühe mich, ihn wie einen gesunden Menschen
zu behandeln. Während ich den Waschlappen im lauwarmen Wasser einweiche, rede
ich beruhigend auf ihn ein, versuche, ihm die Angst und Ungewissheit zu nehmen.
Langsam und vorsichtig säubere ich die Stirn, die Augen,
die bereits verschleimt sind – eine Regung! Er zwinkert mit den Augen.
„Ich möchte Ihnen nicht weh tun, ich wasche nur Ihr Gesicht. Ist das in Ordnung?
– Wir sind gleich fertig.“
Behutsam wasche ich sein Kinn.
Nun ziehe ich ihm den OP-Kittel aus – ein mir fremder Mensch liegt unbekleidet
vor mir.
„Wie entwürdigend“, denke ich mir.
Mit einem Einmalwaschlappen säubere ich die Arme, die Achselhöhlen, den
Brustkorb. Nebenbei rede ich – wobei ich mich völlig auf den Patienten
konzentriere.
So, und jetzt? Oh Gott, jetzt muss ich wohl auch noch, na ja, den Rest säubern …
Wollte nicht Schwester Steffi vorbeikommen? Langsam wird’s mir echt unangenehm.
Ich verwende wiederum einen neuen Waschlappen und säubere die Leistengegend und
das Übrige. Es ist leichter, als ich dachte! Nur noch abtrocknen, und fertig.
Er hat sogar seine Augen geöffnet! Was diesem Menschen wohl
gerade durch den Kopf geht?
Wärme erfüllt mein Herz, ich kann das nicht anders beschreiben.
Ich fühle mich stark und zugleich einfühlsam; bereit, diesen Menschen so zu
unterstützen, wie er es braucht.
Ich ziehe ihm ein frisches OP-Hemd an und führe einen Schnabelbecher zu seinem
Mund. Durstig trinkt er den Tee. Was, wenn er heute noch gar nichts zu trinken
bekommen hat? Wenn das in der Hektik des Krankenhauses untergeht?
Nun fühl’ ich mich sogar verantwortlich für diesen armen,
unselbständigen Patienten. Ich verlasse den Raum, blicke mich noch einmal um …
… und stehe auf einmal wieder in der „Realität“: Eine Kollegin weist mich
schroff an, den Tee auszuteilen, ein Kollege fordert mich auf, ihn mit in den
Aufwachraum zu begleiten.
Eine andere Welt – mit anderen Regeln – und anderen Werten – anderen Problemen –
mit Streit und Konflikten.
So vergeht kein Tag wie der andere, an einem Ort mit so viel verschiedenen
Werten, in dem man eintritt oder auch nicht.
(Christina Schnur, G 11c)
Von Mauern und Brücken
Der erste Tag im Altersheim glich einem Sprung ins eiskalte Wasser: Meine Ansprechpartnerin war krank und konnte mich daher nicht wie beabsichtigt in meine Tätigkeiten einführen, und ihre Vertretung nahm sich kaum Zeit für mich. Sie ließ mich zwei Formulare unterschreiben, überreichte mir meine Arbeitskleidung und setze mich ohne weitere Erklärungen in der Hausgemeinschaft ab.
Dort saßen die zehn älteren Damen gerade beim Frühstück und beäugten mich voller Neugier. Doch meine Kollegin bzw. Vorgesetzte machte keine Anstalten, den Damen zu erklären, warum ich da war, oder umgekehrt, mir die Anwesenden vorzustellen. Anweisungen, was zu tun war, erteilte sie mir ebenso wenig.
Ich stand da und hatte das Gefühl, gefangen zu sein innerhalb einer Mauer des Schweigens und der Ratlosigkeit, die dadurch von mir Besitz ergriffen hatte. Ich kam mir sehr verloren vor, und offenbar sah man mir das auch an, denn plötzlich winkte mich eine der Damen zu sich heran und raunte mir zu: „Sei nicht so ängstlich, Mädchen! Du wirst sonst für dumm verkauft!“ Mütterlich klopfte sie mir auf die Schulter und sagte:
„Setz’ dich erst einmal hin und trink’ einen Kaffee mit uns; alles andere wird sich noch früh genug finden …“.
Dankbar tappte ich auf einen freien Platz, doch anders als zuvor fühlten meine Füße sich nicht mehr aus Blei an – viel leichter. Vielleicht weil ich nun die Mauer überwunden hatte und über eine Brücke der Herzlichkeit und der Wärme schritt, die sich dank der Dame vor mir aufgetan hatte und mich noch die ganzen zwei Wochen über begleiten sollte …
(Alexandra Nunberger, G 11c)